Die IHK Nürnberg berichtet in ihrem “wim-magazin” Ausgabe 02/2006 über das Stellwerk1 und den darin stattfindenden Seminaren

 

Berichte aus dem Nürnberger Stadtanzeiger vom 29.09.2004

ANZ/NORD/NORD/NORD1 - Mi 29.09.2004

Aus altem Stellwerk wird ambitionierter Kulturclub

Privates Engagement sorgt beim Nordostbahnhof für neue Attraktion

Von Jo Seuß

Privates Engagement macht's möglich: Aus dem alten, ausrangierten Stellwerk 1 hinter dem Nordostbahnhof wird ein ambitionierter Kulturclub, der nicht zuletzt die Völkerverständigung im Auge hat.

Nachdem 1995 das »Stellwerk 2 Nürnberg-Nordost« abgerissen worden war, schien drei Jahre auch für das Pendant »Stw 1« das Ende nahe. Mit der Automatisierung der »Gräfenbergbahn«-Weichenstellung von Heroldsberg kam das Aus für das 1910 errichtete Stellwerk hinter dem Resi-Komplex.

Jahrelang stand das Gebäude leer, und eigentlich sollte es abgerissen werden. Bis Klaus Steger kam. Der Unternehmer (mit Resi-Vergangenheit) hatte Ende 90er Jahre das Klingenhofer Industriegebiet unter die Lupe genommen und ein Vermarktungskonzept dafür entwickelt, das bei der Stadt allerdings auf wenig Gegenliebe stieß.

Quasi als »Abfallprodukt« klopfte Steger, der mehr nebenbei das Stellwerk entdeckt hatte, bei der Bahn an. Durch sein Interesse sorgte er dafür, dass der geplante Abriss aufgeschoben und die Stellwerk-Immobilie plus 139 Quadratmeter Grund zum Verkauf angeboten wurde. Am Ende bot der Unternehmer am meisten (»einen Liebhaberpreis«, wie er sagt) und bekam das heruntergekommene Gebäude, in das er längst gut und gern 60 000 Euro investiert hat.

Die Renovierung wäre noch einiges teurer geworden, wenn Freunde der »Gräfenbergbahn« die alte Stellwerkanlage nicht »Schraube für Schraube« ehrenamtlich ausgebaut hätten. In den vergangenen Monaten hat Steger, der inzwischen einen Wohnsitz in Paris hat, die zwei Ebenen des Anwesens saniert, gestrichen und möbliert, Theken und Sitzecken eingerichtet - ideal für einen kleinen Kulturclub.

Zusammen mit dem Betriebswirtschaftsstudenten Carsten Knitt hat Steger erste Veranstaltungen durchgeführt und die Idee für einen Verein entwickelt. Dieser nennt sich »Institut für gesellschaftlichen Fortschritt, erneuerbare Energie, Kultur und gesunde Lebensweise« (IfgF), und wurde vom Zentralfinanzamt bereits als gemeinnützig anerkannt. Steger hat mit dem Stellwerk viel vor: Er sieht es als »Treffpunkt für die Gemeinschaft und gegen den Egotrip«. Forts. Seite 2

Der stolze Hausherr Klaus Steger vor dem frisch aufpolierten Stellwerk 1 - Nürnberg Nordost an der Klingenhofstraße 50F, das zur Heimat eines Kulturvereins mit einer »Europa-Kunst-Galerie« werden soll. Fotos: Seuß

Kräftig durchgebogen von den Unterarmen der Bahnerer ist das Fenster am »Ausguck« des 1910 erbauten Stellwerks.

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»Jeder muss etwas tun und etwas Zeit einbringen«

Forts. von Seite 1: »Aus altem Stellwerk wird ambitionierter Kulturclub« - Herbstfest am 22.Oktober - Europa-Kunst-Galerie geplant

Der 45-Jährige und seine Mitstreiter wollen mit dem Verein »das gesellschaftliche Leben und das Zusammleben von Personen und Organisationen auf nationaler, europäischer und Internationaler Ebene« fördern. Vor allem kulturelle Veranstaltungen sollen das außen frisch ockerfarben getünchte Haus zu einer Attraktion machen. Am 22. Oktober läuft ab 20 Uhr ein Herbstfest, am Abend darauf gastiert ein Sopran-Duo, am 24. 10. heißt es ab 16 Uhr »Klassik Tea Time«. Flankierend dazu zeigt der Nürnberger Künstler Christian Pietschiny seine »Bilder des Südens«. Eine erste Kostprobe für die geplante »Europa-Kunst-Galerie«, die für völkerverbindende »Kunst am Gleis« sorgen soll.

»Jeder muss etwas tun und etwas Zeit und Engagement in die Gesellschaft einbringen«, lautet Stegers Credo. Über 270 Interessenten stehen bereits in der E-Mail-Vereinskartei, die Jutta Jürgen betreut (Kontakt: Stw1-Ost@web.de). Dabei gebe es »keinen geschlossen Zirkel«, betont Steger, der 1986 zu den Gründern des Hemdendienst-Vereins gehörte.

Das Stellwerk 1 sei offen für alle und ein Ort, »wo jeder seine Ruhe findet in dieser hektischen Zeit«, definiert der Hausherr das Konzept, zu dem offene Feuer im Minigarten ebenso gehören wie Lesungen und Seminare. Sein Lieblingsplatz ist übrigens der »Ausguck« der Stellwerk-Bahnerer - mit dem Fensterrahmen, das unten im Laufe der Jahrzehnte von Unterarmen durchgebogen wurde. (Siehe auch Vorstadtbrille)

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MEINUNG {DURCH DIE VORSTADT-BRILLE}

Lehrstück von Rang

Manchmal ist es besser, nicht gleich mit dem Abrissbagger anzurücken. Insofern ist die wundersame Wandlung beim Stellwerk 1 hinter dem Nordostbahnhof ein Lehrstück. Zeigt der Fall doch, wie einfach ein kleines, längst ausgemusterten Werksgebäude mit neuem Leben gefüllt werden kann.

Mehrere Dinge waren für die beispielhafte Transformation vom abbruchreifen DB-Haus zum ansprechenden Kulturclub-Domizil wichtig: Natürlich brauchte es einen finanzkräftigen Initiator wie Klaus Steger, der seine ganz persönliche Vision von einer »Europa-Kunst-Galerie« verwirklichen wollte. Und dem klar war, dass diese nicht irgendwo hinpasst, sondern einen Ort benötigt, wo Züge abfahren, wo Kunst und Gedanken aufs richtige Gleis kommen können.

Ein Stellwerk als Kultur-Ort hat in der Tat etwas Symbolträchtiges. Dass sich fast 300 Leute »vernetzen« ließen, bevor der Verein gegründet wurde, beweist, dass an einem ehrwürdigen Bahndamm, der schon mal ganz abgehängt werden sollte, etwas in Bewegung geraten ist. Das Ganze hat trotz des Privatengagements öffentliche Bedeutung. Und die Bahn sollte nun beim Abreißen alter Gebäude mal öfter auf Verspätung setzen. Damit Nachahmer zum Zug kommen.

 

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